Tennis-Star Alexander Zverev in der Krise: Sand im Getriebe

Alexander Zverev ist knapp ein Jahr nach seiner schweren Verletzung bei den French Open weit von seiner alten Form entfernt. Entsprechend tief sitzt der Frust nach dem frühzeitigen Aus im Achtelfinale des ATP-Masters in Rom. Er habe „gar keinen Bock, irgendwas zu sagen“, murrte der 26-Jährige nach der ernüchternden Zweisatz-Niederlage gegen den Russen Daniil Medwedew. Er sei „immer noch 1000 Kilometer entfernt“ von den absoluten Topspielern. „Wenn man sagen will, man ist dabei, muss man wenigstens einmal gewinnen. Und das tue ich nicht“, ärgerte sich Zverev im Interview des TV-Senders „Sky“.

Zum Frust gesellt sich Verzweiflung. „Ich kriege es im Moment nicht hin, in einem Turnier weit zu kommen“, sagte der Olympiasieger von 2021. Er spiele „derzeit wahrscheinlich mein schlechtestes Tennis seit 2015, 2016“.

Seit August 2016 ist Zverev durchgehend die Nr. 1 im deutschen Männer-Tennis, doch das wird sich am kommenden Montag ändern, wenn die neue Weltrangliste erscheint. Knapp zwei Wochen vor Beginn der French Open und damit der Rückkehr an den Ort, an dem seine Leidenszeit begann, ist Zverev nur noch ein Schatten seiner selbst. 

Durchbruch in Rom, Verletzung in Paris

Das frühe Aus in Rom ist für ihn ein weiterer Dämpfer im von Rückschlägen geprägten Tennis-Jahr 2023. Dabei hatte sein Aufstieg in die Weltspitze einst in der Hauptstadt Italiens begonnen: 2017 reckte Alexander Zverev die Sieger-Trophäe in den Himmel über Rom – es war der erste Masters-Titel seiner Karriere. Vier weitere Masters-Siege sollten folgen, dazu zwei Triumphe bei den ATP-Finals (2018, 2021), das erste Grand-Slam-Finale (US Open 2020) und das Olympia-Gold von Tokio.  

Der Moment, der für Alexander Zverev alles änderte: Im Halbfinale der French Open 2022 knickte der Deutsche um und verletzte sich schwer

Der Moment, der alles änderte: Im Halbfinale der French Open 2022 knickte der Zverev um und verletzte sich schwer

Auf dem Weg in das mögliche zweite Grand-Slam-Endspiel seiner Karriere war Zverev im Halbfinale der letztjährigen French Open gegen Rekordsieger Rafael Nadal mit dem Fuß umgeknickt und hatte sich dabei mehrere Bänder im rechten Sprunggelenk gerissen. Anschließend hatte er unter Tränen und im Rollstuhl vom Center Court in Paris gebracht werden müssen – ein Knackpunkt in der Karriere, wie ein Jahr später klar ist. 

Enttäuschendes Comeback

Denn nach mehr als sieben Monaten Verletzungspause im Anschluss an die French Open 2022 überwiegen für Zverev seit seinem Comeback im Januar 2023 die Enttäuschungen. Bei den Australian Open scheiterte der Halbfinalist von 2020 bereits in der zweiten Runde an Außenseiter Michael Mmoh aus den USA. Bei den anschließenden Turnieren in Rotterdam und Doha war für Zverev ebenfalls jeweils in Runde zwei Endstation, ehe er in Dubai erstmals in diesem Jahr wenigstens zwei Turnier-Matches in Folge gewinnen konnte und ins Halbfinale einzog.

Alexander Zverev hockt während seines Zweitrundenmatchs bei den Australian Open 2023 mit ratloser Miene auf dem Platz.

Ratlos in Melbourne: Zverev während seines Zweitrundenmatchs bei den Australian Open 2023

Niederlage am Geburtstag in München

Doch es folgten weitere Rückschläge. Nachdem er beim Masters-Turnier in Indian Wells zumindest ins Achtelfinale einziehen konnte, scheiterte Zverev im Anschluss bei den Miami Open in Runde zwei. In München, bei seinem ersten Sandplatzturnier in diesem Jahr, verlor er gleich sein erstes Match gegen den Australier Christopher O’Connell. Es war Zverevs 26. Geburtstag, sportlich jedoch ein Tag zum Vergessen. „Ich komme in den letzten paar Jahren nur schwer mit dem Druck klar, in Deutschland zu spielen“, jammerte der Tennisstar. „Ich bin unfassbar nervös. Ich zeige im Match nicht annähernd das Niveau, das ich im Training zeige.“

Struff zieht an Zverev vorbei

Jan-Lennard Struff im Finale des ATP-Masters in Madrid

Jan-Lennard Struff im Finale des ATP-Masters in Madrid

Es läuft aktuell einfach nicht für Zverev. Vielmehr hat die deutsche Noch-Nummer-Eins den sprichwörtlichen Sand im Getriebe. Die Folge: Am Montag wird Jan-Lennard Struff in der Rangliste an ihm vorbeiziehen. Struff wird dann auf Platz 26 geführt, Zverev auf 27. Struff feierte kürzlich in Madrid mit dem erstmaligen Finaleinzug bei einem ATP-Masters den größten Erfolg seiner Karriere. Dass er nun bestplatzierter Deutscher in der Weltrangliste wird, will der 33-Jährige jedoch nicht überbewerten. „Wir haben mit Sascha jemanden, der seit Jahren die klare Nummer 1 in Deutschland ist“, sagt Struff über Zverev. „Dass ich jetzt so nah an ihn herangerückt bin, ist nur seiner langen Verletzung geschuldet. Ich bin mir sicher, dass auch er demnächst wieder weiter oben in der Rangliste stehen wird.“