Solidarität für Drag-Queens in den USA

Bill Lee, der republikanische Gouverneur von Tennessee, hat Ende Februar als erster US-Gouverneur ein Gesetz unterschrieben, das Drag-Shows im öffentlichen Raum und vor Kindern verbietet. Damit ist Tennessee der erste US-Bundesstaat, der ein solches Gesetz umsetzt. Es ist abzusehen, dass andere republikanisch regierte Bundesstaaten nachziehen.

Die neue Gesetzgebung trifft die US-amerikanische LGBTQ-Community wie ein Paukenschlag. In ihr kulminiert sich der US-amerikanische Kulturkampf zwischen konservativen Hardlinern und liberalen Verfechtern von LGBTQ-Rechten. Vor allem auf Social Media zeigt sich das Ausmaß des kontroversen Gesetzes.

Verbot kommt vor bevorstehendem Pride-Month

Das Gesetz von Tennessee zeigt, wie schwer sich Konservative in den USA mit Drag-Shows tun. Der Name „Drag“ taucht darin gar nicht erst auf. Stattdessen werden die Auftritte von Männern oder Frauen, die sich als das andere Geschlecht verkleiden mit dem dezenten Begriff „Erwachsenen-Kabarett“ bezeichnet.

Das „Senate Bill 3“-Gesetz soll bereits zum 1. April in Kraft treten – rechtzeitig vor dem „Pride“-Monat, den die LGBTQ-Community traditionell im Juni feiert.

Eine Drag Queen mit regenbogenfarbenem Gefieder steht während einer Parade in einem offenen Cabriolet.

Die Paraden zum „Pride Month“ sind vor allem eins: bunt

Lee: „Es geht allein um Kinderschutz“

Laut Gouverneur Bill Lee werde bei dem Gesetz „niemand diskriminiert“. Es gehe allein um Kinderschutz.

Denn viele Verfechterinnen und Verfechter des Gesetzes unterstellen Drag-Shows „schädlich“ für Kinder zu sein. Der republikanische Abgeordnete Chris Todd stellte sie sogar mit „Kindesmissbrauch“ gleich. Die Drag-Queens werden im Gesetzestext mit „Go-go-Tänzern, exotischen Tänzerinnen und Strippern“ gleichgesetzt. 

Und so stürmen Befürwortende der Anti-Drag-Gesetze unter Führung Tennessees entschlossen voran. Mindestens ein Dutzend republikanisch regierte Bundesstaaten wollen öffentliche Drag-Shows verbieten. Entsprechende Gesetzespläne liegen bereits in den Schubladen. Wenn Kinder mit etwas konfrontiert würden, das für ihr Alter unangemessen sei, „dann müssen wir als Gesetzgeber einschreiten und eine Grenze ziehen“, betont beispielsweise der texanische Abgeordnete Nate Schatzline.

„Wenn Sie ein Kind vor eine Drag-Queen stellen“, fragte der republikanische Senator von Arkansas, Gary Stubblefield, „hilft das den Kindern, oder verwirrt es sie eher in Bezug auf ihr eigenes Geschlecht?“

Drag-Queen Ginger Forest liest vor einem Publikum aus einem Buch vor

Die Drag-Queen Ginger Forest liest bei einem „Drag Brunch“ aus einem Buch vor

US-Drag-Queen RuPaul übt scharfe Kritik

Solcherlei Argumentationen stoßen auf Unverständnis in der LGBTQ-Community. Aktivistinnen und Aktivisten verurteilen das neue Gesetz und die Gesetzesentwürfe anderer Staaten scharf. Nicht nur seien sie verfassungswidrig, sondern sie würden auch zu weiterer Belästigung und Gewalt gegen queere Menschen führen.

Amerikas wohl bekannteste Drag-Queen RuPaul bezeichnet Drag-Queens in einer Videobotschaft auf Twitter als „die Marinesoldaten der queeren Bewegung“. Die Anti-Drag-Gesetze seien ein „klassisches Ablenkungsmanöver“ der Politik. „Es soll uns von den wirklichen Problemen ablenken, für die wir unsere Politiker und Politikerinnen gewählt haben: Arbeitsplätze, Gesundheitsfürsorge oder die Sicherheit unserer Kinder in der Schule“.

„Aber wir wissen, dass Mobbende unfähig sind, echte Probleme zu lösen. Sie suchen sich leichte Ziele, damit sie den Eindruck erwecken können, dass sie effektiv arbeiten,“ kritisiert die Moderatorin der Fernsehshow „Drag Race“ weiter. 

„Drag ist eine legitime künstlerische Ausdrucksform“

Drag-Shows seien für niemanden eine Bedrohung, meint auch Lawrence La Fountain-Stokes, Experte für Kultur- und Geschlechterstudien an der Universität Michigan laut der Katholischen Nachrichten-Agentur. Es mache keinen Sinn, sie im Jahr 2023 zu kriminalisieren. Drag sei eine legitime künstlerische Ausdrucksform.

Auch die größte LGBTQ-Bürgerrechtsorganisation in den USA, Human Rights Campaign, äußert sich auf Twitter. „Freie Meinungsäußerung ist für alle da. Drag ist für alle da,“ heißt es in einem Post. „Anstatt sich mit legitimen Problemen zu befassen, verabschieden die Gesetzgeber in Tennessee weiterhin mehr Anti-LGBTQ-Gesetze als in jedem anderen Staat des Landes. Unsere Gemeinschaft lässt sich nicht zum Schweigen bringen“. 

Zum Tweet postete die Organisation eine Video einer Kundgebung anlässlich der Verabschiedung des Gesetzes in Tennessee.

„Drag-Shows“ sind kultureller Mainstream in den USA

Tatsächlich gehören Drag-Shows zum kulturellen Mainstream in den USA. Die Tradition reicht in die 50er Jahre zurück, als „Mr. Television“ Milton Berle in Frauenkleidern im Fernsehen auftrat.

Schauspieler Milton Berle verkleidet als orientalische Frau, Foto von 1962.

Milton Berle aka „Mr. Television“ trat schon in den 1950ern in Frauenkleidern im Fernsehen auf

Seit 2009 hat die Reality-TV-Serie „RuPaul’s Drag Race“ Kultstatus erreicht. In ihr treten Drag-Queens gegeneinander an. Etabliert sind auch „Drag Brunches“ in Restaurants oder die „Drag Story Hour“, bei der Drag-Queens Kindern vorlesen.

Bill Lee wird Heuchelei vorgeworfen

Lee unterschrieb das Gesetz Ende Februar unzeremoniell und kommentarlos. Für Aufsehen sorgte der Termin dennoch. Ein LGBTQ-Aktivist hielt dem Republikaner während einer Pressekonferenz ein Foto vor die Nase, auf dem der Gouverneur von Tennessee 1977 zum Abschluss seiner Highschool-Zeit in Frauenkleidern zu sehen ist.

Eine Steilvorlage für seine Kritiker. Der Journalist Ed Krassenstein tweetet: „Die Heuchelei der Republikanischen Partei wird immer schlimmer und schlimmer“.

Die Drag-Performerin Hella Skeleton aus Tennessee meint, wenn Lee sage, er habe damals bloß einen Spaß machen wollen, beweise er damit, dass er gar nicht begreife, was er da für ein Gesetz unterschrieben hat. „Ein Großteil des Drag ist extrem lustig.“